WINDKRAFT 16.12.25

Von einem, der auszog, ein Windrad zu bauen

Dürfen wir kurz vorstellen: Heinrich Lohmann – Windparkbauer, Innovator, MLK-Gründer und -Geschäftsführer und einer der Ersten, der grüne Energie gefördert hat. Seit 35 Jahren macht er das schon – es ist also Zeit, dass Julia Martinez einmal bei Heinrich nachfragt, was seine Motivation ist und was ihn schon so lange antreibt.

Heinrich, wie bist du auf den Wind gekommen?
Zum einen durch mein Studium. Ich habe in Aachen Stadt- und Regionalplanung studiert und mich dabei mit Stadtbautechnik auseinandergesetzt, darunter auch die klassischen Energieversorgungsthemen. Aber viel mehr hat mich damals beschäftigt, was Kohlebergbau mit Land und Leuten anstellt. Mein Vater hatte in jungen Jahren unter Tage im Steinkohlenbergbau als Steiger gearbeitet. Ich bin in Niederkrüchten aufgewachsen und dann nach Erkelenz umgezogen. Das Thema Braunkohle hatte ich also direkt vor meiner Haustür zu liegen. Zu dieser Zeit stand ja die Entscheidung für oder gegen den Tagebau Garzweiler II an. Ein Riesenthema, denn historische Teile von Erkelenz, teilweise mehr als 1.200 Jahre alte Ortschaften, sollten dafür weggebaggert werden. Ich war sehr aktiv im BUND in Erkelenz. Wir wollten unbedingt ein Zeichen gegen den Tagebau setzen und haben verschiedene Aktionen geplant und auch umgesetzt. Mich trieb die Frage um: Kann Energie nicht auch anders gehen? Ich wollte unbedingt aktiv werden, was Konkretes machen, nicht immer nur protestieren. Die Dänen brachten mich dann auf die Idee, denn die stellten bereits erste, noch kleine Windräder her, die zum Beispiel auch in die USA exportiert wurden. Dadurch kam ich zur Windkraft – Sonne kam ja nicht in Frage.

Warum kam Sonne nicht infrage?
Damals konnte sich im nördlichen Europa noch keiner vorstellen, dass man hier mit Sonne Energie produzieren kann. Sonne war zum Bräunen da und die fand man in Italien im Urlaub, doch nicht hier. Deshalb kam eigentlich nur Wind infrage. Das reizte mich, ich wollte das einfach selbst probieren.

Du bist also losgezogen, um ein Windrad zu bauen?
Kann man so sagen, ja. Mit meinem Partner Leo Noethlichs traf ich irgendwann auf den Bauern Bolten. Der hatte einen Biolandhof in Niederkrüchten und Lust darauf, das mit der alternativen Energiegewinnung zu probieren. Das war um 1990. Wir haben dort mit unseren ersten Windmessungen angefangen, das war sozusagen unser Start in die Windenergie. Die Anlage dreht sich übrigens immer noch und produziert bis heute Strom. Kurz darauf kam ich auf die Idee, Windräder auf den Abraumhalden der Braunkohle zu installieren. 1995 wurden bereits die ersten vier Windräder auf der Vollrather Höhe gebaut – mit 50 Meter Nabenhöhe auf einer 50 Meter hohen Kippe – und das Ganze aus heutiger Sicht in Rekordzeit – kein Vergleich zu heute!

„Die langen Entwicklungszeiten von der Planung über die Genehmigung bis zur Fertigstellung sind ein immenses Hindernis beim Ausbau der Windkraft – etwa acht bis zehn Jahre – da braucht es einen langen Atem.“

Zum Abschluss noch: Was ist für dich der beste Moment beim Bau eines Windrades?
Da fragst du mich ja was … Bei der ersten Mühle in Grevenbroich bin ich noch jeden Tag hingefahren, oft auch hochgefahren, und habe den Ausblick genossen. Ich erinnere mich noch gut an die Siemensanlage in Jacobsdorf, da konnte man die Gondel runterklappen und dann stand ich im Freien und direkt vor meiner Nase drehten sich die Blätter – DAS war ein unglaubliches Gefühl. Das geht heute gar nicht mehr – Walter, mein Betriebsführer, würde mir einen Vogel zeigen, wenn er die Anlage für einen Blick nach draußen anhalten müsste. (lacht). Eigentlich ist jeder Teilschritt ein Meilenstein, den man feiern könnte, denn da steckt immens viel Arbeit drin. Aber es bleibt gar keine Zeit zum Hochschauen und Sekt zur Inbetriebnahme hatten wir auch eine Weile nicht mehr. Sobald das Windrad dreht, heißt es eigentlich: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Aber gut, wenn du so fragst … Gestern bin ich auf der A4 an Aldenhoven vorbeigefahren. Da steht eine Anlage von uns und der Wind stand gerade gut, die drehte also flott. Das ist so ein schöner Moment! Wenn alles läuft, super.

Welche Unterschiede gibt es heute im Wesentlichen zu damals und wie seid Ihr bei der Planung vorgegangen? Faktisch war Windenergie ja etwas völlig Neues.
Das kann man gar nicht mehr vergleichen. In den 1990er-Jahren musste ich vor allem Aufklärungsarbeit leisten und in der Verwaltung Menschen suchen, die sich überhaupt mit dem Thema auseinandersetzen wollten. Windenergieanlagen wurden in der alten Baugesetzgebung gar nicht erwähnt. Das war alles Neuland. Um Kommunalpolitik und Grundstücksbesitzer zu überzeugen, haben wir zum Beispiel Busfahrten nach Norddeutschland organisiert, damit man uns glaubt, dass das wirklich funktionieren kann. Erst mit den gesetzlichen Grundlagen, die die CDU 1991 mit dem Stromeinspeisegesetz und einer festen Einspeisevergütung auf den Weg gebracht hat, und mit der Privilegierung für Windkraftanlagen im Außenraum wurde es besser. Seit Ende der 1990er-Jahre war dann nicht mehr das Baurecht zuständig, sondern der Immissionsschutz. Vieles wurde durch diese Gesetze, Verordnungen und Gerichtsurteile zunehmend reglementiert, aber eben auch verlangsamt. Nehmen wir beispielsweise den Denkmalschutz.

Was hat denn der Denkmalschutz mit Windenergieanlagen zu tun?
Heute wird beispielsweise im Genehmigungsverfahren geprüft, ob der Bau einer Windenergieanlage zum Beispiel Boden- oder Landschaftsdenkmale in der Umgebung beeinträchtigt. Das braucht Zeit und kostet Geld. Und manchmal ist es auch zum Kopfschütteln. Ich kenne ein Beispiel aus Brandenburg, wo der Bau von fünf Windrädern abgelehnt wurde – dabei standen in der Nähe bereits andere Anlagen und es wären auch nur die Spitzen der Rotorblätter sichtbar gewesen. Begründung: „Das Erscheinungsbild des Gartendenkmals wird erheblich gestört.“ Dabei handelte es sich um ein altes, überwuchertes Gutshaus, umgeben von viel Wald. Aber das ist nur eine Teilproblematik, die zu langen Entwicklungszeiten führt. Die heutige Komplexität des Netzanschlusses oder auch die Festlegung der Transportwege – Stichwort marode Autobahnbrücken – wirken nicht beschleunigend. Die ersten Projektentwicklungen in NRW und Sachsen-Anhalt haben zwei bis drei Jahre gedauert, heute rechnen wir mit acht bis zehn Jahren!

Du hast Erfahrungen in den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands gemacht. Wie unterscheidet sich der Umgang mit Windenergie in NRW beispielsweise von Sachsen-Anhalt?
Beide Bundesländer kommen aus der Kohleverstromung, sind also Tagebaufolgelandschaften. Der Rückbau wurde aber jeweils vollkommen anders angegangen. In NRW wurde auf lange Sicht geplant, dagegen kam in Sachsen-Anhalt das Aus relativ plötzlich. Und dort trafen auch Extreme aufeinander: Das Gartenreich Wörlitzer Park direkt neben der Kraterlandschaft – das stell sich mal einer vor. Da war Kreativität gefragt. Ich fand das unglaublich spannend und bin deshalb Mitte der 1990er ans Bauhaus gegangen, um mich mit diesem Thema zu befassen. Dort habe ich die Gelegenheit bekommen, eines der ersten Windräder in der Folgelandschaft zu bauen. Ein großer Unterschied liegt auch in der Akzeptanz durch die Gemeinden und deren Bürgerinnen und Bürger. In NRW oder auch in der Eifel haben viele Gemeinden bereits früh verstanden, dass man mit der Windkraft den Gemeindehaushalt sanieren kann, und zwar so gut, dass es in manchen Orten keine Gebühren mehr für Kitas gibt oder keine Grundsteuer.

Du hast bis 2004 viele Projekte in NRW realisiert, danach warst du mehr in Brandenburg aktiv. Jetzt bist du wieder zurück: ein Comeback?
Ja, wobei das Comeback jetzt auch schon wieder etwas länger her ist. Von 1990 bis Anfang der 2000er hatten wir unter anderem durch die rot-grüne Regierung in NRW sehr günstige Voraussetzungen für die Windkraft. Danach hat sich mit der Koalition von CDU und FDP in NRW unter Ministerpräsident Rüttgers der Wind wortwörtlich gedreht. Da wusste ich, hier wird sich was ändern, und das nicht zum Guten für die grüne Energie. Aber seit über zehn Jahren engagieren wir uns mit der MLK wieder in der Projektentwicklung im Westen. Denn es dauert in der Windkraft, bis man die Früchte erntet, nämlich in etwa zehn Jahre.

Zum Abschluss noch: Was ist für dich der beste Moment beim Bau eines Windrades?
Da fragst du mich ja was … Bei der ersten Mühle in Grevenbroich bin ich noch jeden Tag hingefahren, oft auch hochgefahren, und habe den Ausblick genossen. Ich erinnere mich noch gut an die Siemensanlage in Jacobsdorf, da konnte man die Gondel runterklappen und dann stand ich im Freien und direkt vor meiner Nase drehten sich die Blätter – DAS war ein unglaubliches Gefühl. Das geht heute gar nicht mehr – Walter, mein Betriebsführer, würde mir einen Vogel zeigen, wenn er die Anlage für einen Blick nach draußen anhalten müsste. (lacht). Eigentlich ist jeder Teilschritt ein Meilenstein, den man feiern könnte, denn da steckt immens viel Arbeit drin. Aber es bleibt gar keine Zeit zum Hochschauen und Sekt zur Inbetriebnahme hatten wir auch eine Weile nicht mehr. Sobald das Windrad dreht, heißt es eigentlich: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“ Aber gut, wenn du so fragst … Gestern bin ich auf der A4 an Aldenhoven vorbeigefahren. Da steht eine Anlage von uns und der Wind stand gerade gut, die drehte also flott. Das ist so ein schöner Moment! Wenn alles läuft, super.

„Garzweiler II war mein Erweckungserlebnis – wenn man einmal in eine zerfressene Kohlelandschaft geschaut hat, weiß man, hier muss sich etwas ändern. Jetzt stehen auf vielen Abraumhalden Windräder und produzieren grünen Strom.“