Von einem, der auszog, ein Windrad zu bauen

Dürfen wir kurz vorstellen: Heinrich Lohmann – Windparkbauer, Innovator, MLK-Gründer und -Geschäftsführer und einer der Ersten, der grüne Energie gefördert hat. Seit 35 Jahren macht er das schon – es ist also Zeit, dass Julia Martinez einmal bei Heinrich nachfragt, was seine Motivation ist und was ihn schon so lange antreibt.
Heinrich, wie bist du auf den Wind gekommen?
Zum einen durch mein Studium. Ich habe in Aachen Stadt- und Regionalplanung studiert und mich dabei mit Stadtbautechnik auseinandergesetzt, darunter auch die klassischen Energieversorgungsthemen. Aber viel mehr hat mich damals beschäftigt, was Kohlebergbau mit Land und Leuten anstellt. Mein Vater hatte in jungen Jahren unter Tage im Steinkohlenbergbau als Steiger gearbeitet. Ich bin in Niederkrüchten aufgewachsen und dann nach Erkelenz umgezogen. Das Thema Braunkohle hatte ich also direkt vor meiner Haustür zu liegen. Zu dieser Zeit stand ja die Entscheidung für oder gegen den Tagebau Garzweiler II an. Ein Riesenthema, denn historische Teile von Erkelenz, teilweise mehr als 1.200 Jahre alte Ortschaften, sollten dafür weggebaggert werden. Ich war sehr aktiv im BUND in Erkelenz. Wir wollten unbedingt ein Zeichen gegen den Tagebau setzen und haben verschiedene Aktionen geplant und auch umgesetzt. Mich trieb die Frage um: Kann Energie nicht auch anders gehen? Ich wollte unbedingt aktiv werden, was Konkretes machen, nicht immer nur protestieren. Die Dänen brachten mich dann auf die Idee, denn die stellten bereits erste, noch kleine Windräder her, die zum Beispiel auch in die USA exportiert wurden. Dadurch kam ich zur Windkraft – Sonne kam ja nicht in Frage.
Warum kam Sonne nicht infrage?
Damals konnte sich im nördlichen Europa noch keiner vorstellen, dass man hier mit Sonne Energie produzieren kann. Sonne war zum Bräunen da und die fand man in Italien im Urlaub, doch nicht hier. Deshalb kam eigentlich nur Wind infrage. Das reizte mich, ich wollte das einfach selbst probieren.
Du bist also losgezogen, um ein Windrad zu bauen?
Kann man so sagen, ja. Mit meinem Partner Leo Noethlichs traf ich irgendwann auf den Bauern Bolten. Der hatte einen Biolandhof in Niederkrüchten und Lust darauf, das mit der alternativen Energiegewinnung zu probieren. Das war um 1990. Wir haben dort mit unseren ersten Windmessungen angefangen, das war sozusagen unser Start in die Windenergie. Die Anlage dreht sich übrigens immer noch und produziert bis heute Strom. Kurz darauf kam ich auf die Idee, Windräder auf den Abraumhalden der Braunkohle zu installieren. 1995 wurden bereits die ersten vier Windräder auf der Vollrather Höhe gebaut – mit 50 Meter Nabenhöhe auf einer 50 Meter hohen Kippe – und das Ganze aus heutiger Sicht in Rekordzeit – kein Vergleich zu heute!
Welche Unterschiede gibt es heute im Wesentlichen zu damals und wie seid Ihr bei der Planung vorgegangen? Faktisch war Windenergie ja etwas völlig Neues.
Das kann man gar nicht mehr vergleichen. In den 1990er-Jahren musste ich vor allem Aufklärungsarbeit leisten und in der Verwaltung Menschen suchen, die sich überhaupt mit dem Thema auseinandersetzen wollten. Windenergieanlagen wurden in der alten Baugesetzgebung gar nicht erwähnt. Das war alles Neuland.
Um Kommunalpolitik und Grundstücksbesitzer zu überzeugen, haben wir zum Beispiel Busfahrten nach Norddeutschland organisiert, damit man uns glaubt, dass das wirklich funktionieren kann. Erst mit den gesetzlichen Grundlagen, die 1991 mit dem Stromeinspeisegesetz und einer festen Einspeisevergütung auf den Weg gebracht wurden, und mit der Privilegierung für Windkraftanlagen im Außenraum wurde es besser. Seit Ende der 1990er-Jahre war dann nicht mehr das Baurecht zuständig, sondern der Immissionsschutz. Vieles wurde durch diese Gesetze, Verordnungen und Gerichtsurteile zunehmend reglementiert, aber eben auch verlangsamt.
Was hat denn der Denkmalschutz mit Windenergieanlagen zu tun?
Heute wird beispielsweise im Genehmigungsverfahren geprüft, ob der Bau einer Windenergieanlage Boden- oder Landschaftsdenkmale in der Umgebung beeinträchtigt. Das braucht Zeit und kostet Geld.
Manchmal ist es auch zum Kopfschütteln. Ich kenne ein Beispiel aus Brandenburg, wo der Bau von fünf Windrädern abgelehnt wurde – dabei standen in der Nähe bereits andere Anlagen und es wären auch nur die Spitzen der Rotorblätter sichtbar gewesen. Begründung: „Das Erscheinungsbild des Gartendenkmals wird erheblich gestört.“ Dabei handelte es sich um ein altes, überwuchertes Gutshaus, umgeben von viel Wald. Die heutige Komplexität des Netzanschlusses oder auch die Festlegung der Transportwege – Stichwort marode Autobahnbrücken – wirken ebenfalls nicht beschleunigend. Die ersten Projektentwicklungen haben zwei bis drei Jahre gedauert, heute rechnen wir mit acht bis zehn Jahren.
Du hast Erfahrungen in den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands gemacht. Wie unterscheidet sich der Umgang mit Windenergie in NRW beispielsweise von Sachsen-Anhalt?
Beide Bundesländer kommen aus der Kohleverstromung, sind also Tagebaufolgelandschaften. Der Rückbau wurde aber jeweils vollkommen anders angegangen. In NRW wurde auf lange Sicht geplant, dagegen kam in Sachsen-Anhalt das Aus relativ plötzlich. Dort trafen auch Extreme aufeinander – etwa das Gartenreich Wörlitzer Park direkt neben einer Kraterlandschaft. Ein großer Unterschied liegt auch in der Akzeptanz durch die Gemeinden. In NRW oder auch in der Eifel haben viele Gemeinden früh verstanden, dass man mit der Windkraft den Gemeindehaushalt sanieren kann – teilweise so gut, dass es keine Kita-Gebühren oder Grundsteuer mehr gibt.
Du hast bis 2004 viele Projekte in NRW realisiert, danach warst du mehr in Brandenburg aktiv. Jetzt bist du wieder zurück: ein Comeback?
Ja, wobei das Comeback jetzt auch schon wieder etwas länger her ist. Von 1990 bis Anfang der 2000er hatten wir sehr günstige Voraussetzungen für die Windkraft. Danach hat sich das politische Umfeld verändert. Aber seit über zehn Jahren engagieren wir uns mit der MLK wieder in der Projektentwicklung im Westen. Denn es dauert in der Windkraft, bis man die Früchte erntet – etwa zehn Jahre.
Zum Abschluss noch: Was ist für dich der beste Moment beim Bau eines Windrades?
Da fragst du mich ja was … Bei der ersten Mühle in Grevenbroich bin ich noch jeden Tag hingefahren und habe den Ausblick genossen. Ich erinnere mich noch gut an eine Anlage, bei der man die Gondel herunterklappen konnte – ich stand im Freien und direkt vor meiner Nase drehten sich die Blätter. Das war ein unglaubliches Gefühl. Heute geht das gar nicht mehr. Eigentlich ist jeder Teilschritt ein Meilenstein. Aber es bleibt wenig Zeit zum Feiern. Sobald das Windrad läuft, heißt es: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“
Aber gut, wenn du so fragst … Gestern bin ich auf der A4 an Aldenhoven vorbeigefahren. Da steht eine Anlage von uns und der Wind stand gerade gut, die drehte also flott. Das ist so ein schöner Moment. Wenn alles läuft, super.



