Zur Zukunft ehemaliger Industriestandorte als Impulsräume der Transformation
Ein Gastbeitrag von Thies Schröder
Wer heute nach Ferropolis reist, blickt auf eine monumentale Kulisse aus Eisen, auf Maschinen vergangener Zeit – und doch ist dieser Ort alles andere als stillgelegt. Inmitten des einstigen Tagebaus bewegt sich viel: Ideen, Menschen, Energie. Hier gelingt es, aus dem industriekulturellen Erbe der Moderne eine produktive Zukunft zu entwickeln.
Das strahlt aus: Der Kulturtagebau Ferropolis liefert Ideen und Konzepte für die regionale Transformation. Wo einst Braunkohle aus dem Tagebau in das benachbarte Kraftwerk Zschornewitz transportiert wurde, sind es heute Impulse. Das Forum Rathenau wurde am Rande eines Festivals auf Ferropolis erdacht. Die „kommenden Dinge“ (Walther Rathenau) sind die Herausforderungen, die das Forum Rathenau in Bitterfeld-Wolfen und in Zschornewitz verhandelt. Im Carbon Cycle Culture Club (C4) verdichten sich diese Ideen zu Innovationen der Kohlenstoffkreislaufwirtschaft. C4 ist mehr als ein Format. Es ist ein Denkraum, ein Erfahrungsraum, ein Resonanzkörper. Hier wird Transformation nicht behauptet, sondern befragt. Und das aus gutem Grund: Denn der Wandel, den wir heute suchen, ist nicht allein technologisch, sondern zutiefst zivilisatorisch. Es geht nicht bloß um neue Energieformen – es geht um ein neues Verhältnis von Mensch, Umwelt und Gesellschaft.
Der Strukturwandel, wie er in Sachsen-Anhalt gegenwärtig stattfindet, ist nicht abgeschlossen. In der zweiten Stufe beginnt nun ein wesentlich anspruchsvollerer Prozess: die kulturelle Rekodierung des Raumes. Das Wissen um Prozesse, um Rohstoffe, um landschaftliche Eingriffe – es ist hier vorhanden. Und es lässt sich mobilisieren, wenn die entsprechenden Räume der Partizipation geöffnet werden.
Die Zukunft beginnt an den Rändern der Geschichte
Kultur in diesen Kontexten zu verorten, ist deshalb keine ästhetische Geste, sondern eine Notwendigkeit. Das Forum Rathenau hat sich zur Aufgabe gemacht, diesen Deutungsprozess aktiv zu gestalten. Inspiriert von Walther Rathenaus Vorstellung einer ethisch grundierten Industriegesellschaft, versteht sich das Forum als Labor der Verständigung zwischen Disziplinen und Akteursgruppen. Es ist ein Ort der Übersetzung: von Vergangenheit in Gegenwart, von Erfahrung in Zukunft.
Ehemalige Industriestandorte wie Ferropolis sind keine toten Zonen. Im Gegenteil: Sie sind energetisch aufgeladen. Sie tragen die Geschichte ebenso wie das Versprechen ihrer Überwindung in sich.
Die Energiewende ist in vollem Gange und geht nun über in die postfossile Kohlenstoffwende. Windräder ersetzen Fördertürme, Solarparks überziehen ehemalige Tagebauflächen, Elektrolyseure erzeugen Wasserstoff aus Wind- und Sonnenstrom. Doch so sehr diese Veränderungen technisch beeindruckend sind – sie bleiben unvollständig, solange sie nicht mit einer kulturellen Reflexion ihrer Folgen einhergehen. Es genügt nicht, Infrastrukturen umzubauen.
Der Begriff der Transformation hat Konjunktur. Doch wer ihn ernst nimmt, weiß um seine Zumutungen. Wandel geschieht nicht im Takt von Legislaturperioden. Er erfordert Langfristigkeit, Ungewissheitstoleranz – und ein tiefes Vertrauen in die Fähigkeit kollektiver Orientierung.
Ferropolis, das Forum Rathenau, das Netzwerk Industriekultur Sachsen-Anhalt – sie alle stehen exemplarisch für einen anderen Zugriff: einen, der das Technische nicht vom Gesellschaftlichen trennt. Der Veränderung nicht als Bruch begreift, sondern als Verdichtung.
Über den Autor
Thies Schröder, Jahrgang 1965 und geboren in Schleswig-Holstein, ist ein Mann der Übergänge – räumlich, thematisch, biografisch. Als Geschäftsführer der Ferropolis GmbH und Leiter des Forums Rathenau beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit der Frage, was aus Orten wird, wenn ihre ursprüngliche Funktion endet. Für ihn ist Transformation kein abstrakter Begriff, sondern gelebte Praxis – kulturell, wirtschaftlich, gestalterisch.
Sein Büro – mitten im ehemaligen Mauerstreifen, dort, wo einst Ost auf West traf. Ein Ort, der das Thema seiner Arbeit spiegelt: Umbrüche begreifen, Übergänge gestalten, Geschichte weiterdenken.
Mit dem L&H Verlag, den er seit über drei Jahrzehnten leitet, verfolgt Schröder eine konsequent regionale Linie. Seine Bücher erzählen von Orten, Straßen, Gebäuden – scheinbar kleinen Dingen, aus denen große Geschichten erwachsen. Die Idee: Wer die Region versteht, versteht auch das Ganze. Der Erfolg gibt ihm recht: Über 250.000 verkaufte Exemplare der Reihe Kulturreise sprechen eine deutliche Sprache.
Dass Bücher für ihn mehr sind als eine Ware, zeigt der Anspruch: hohe Textqualität, wissenschaftlich fundiert, visuell überzeugend – eine Verbindung von Buchkultur, Kulturgeschichte und der Lust am Reisen.
Thies Schröder ist Vizepräsident der IHK Halle-Dessau und seit April 2025 Vorsitzender des neu gegründeten Bundesverbands Industriekultur Deutschland.


